Sonntag, 03.05.2020

Jesus – die Ruhe im Sturm
 
Und es begab sich an einem der Tage, dass er in ein Boot stieg mit seinen Jüngern; und er sprach zu ihnen: Lasst uns ans andere Ufer des Sees fahren. Und sie stießen vom Land ab. Und als sie fuhren, schlief er ein. Und es kam ein Windwirbel über den See und die Wellen überfielen sie, und sie waren in großer Gefahr. Da traten sie zu ihm und weckten ihn auf und sprachen: Meister, Meister, wir kommen um! Da stand er auf und bedrohte den Wind und die Wogen des Wassers, und sie legten sich und es ward eine Stille.  Er sprach aber zu ihnen: Wo ist euer Glaube? Sie fürchteten sich aber und verwunderten sich und sprachen untereinander: Wer ist dieser, dass er auch dem Wind und dem Wasser gebietet und sie sind ihm gehorsam? (Lk 8,22-25)

Ein Kreuzfahrtschiff tuckert friedlich über den Ozean. Da zieht ein Sturm auf und bringt das Schiff gehörig ins Wanken. Es wird immer schlimmer. Der Kapitän steht an der Reling und schaut völlig ruhig und unbeeindruckt auf das weite Meer hinaus. Da kommt plötzlich aufgeregt ein Passagier zu ihm angerannt und es entspannt sich folgender „Dialog“: „Captain, Captain, unser Schiff sinkt!“ „Na und, ist doch nicht ihr Schiff!“ „Ja aber… wie weit ist es denn noch bis zum Land???“ „500 Meter.“ „Wo denn, ich seh´ nichts!?!“ „Nach unten, Mensch…!“


In guter Tradition

In unserer Geschichte zeigt sich Jesus als Herr über die gesamte Natur. Er gebietet und sie gehorcht. Nur ein Wort und alles steht still. Jesus bezwingt die bedrohlich gewordene Umwelt. Damit steht er ganz in alttestamentlicher Tradition. Im Alten Testament ist es Jahwe-Gott selbst, der die wilde Natur beherrscht. Schön beschrieben ist das in den Psalmen. Speziell als Beherrscher über Wasser und Meer wird er etwa in Psalm 29, 3 gepriesen: „Die Stimme des HERRN erschallt über den Wassern, der Gott der Ehre donnert, der HERR, über großen Wassern.“ In Psalm 65,8 steht: „.. der du stillst das Brausen des Meeres, das Brausen seiner Wellen und das Toben der Völker.“ Und mit Blick auf den Exodus, auf die Befreiung Israels aus Ägypten, heißt es in Psalm 106,9: „Er schalt das Schilfmeer, da wurde es trocken, und führte sie durch die Tiefen wie durch trockenes Land“. Die in unserer Geschichte beschriebene Situation auf dem See Genezareth ist typisch. Viele Fischer, die dort leben, werden das schon erlebt haben, dass ganz plötzlich und unerwartet von den umliegenden Bergen Fallwinde in den Talkessel des Sees stürzen und das Wasser tüchtig aufpeitschen. So realistisch das beschriebene Ereignis in unserer Geschichte aufgrund der geographischen Umstände auch sein mag – für mich ist das, was hier beschrieben ist, mehr als ein bloßes Naturereignis, dem Jesus Einhalt gebietet. Ich sehe in dieser Erzählung eine Fülle an Bildern und Symbolen, die etwas beschreiben, das sich immer wieder in unseren Seelen abspielen kann. In unseren Seelen, die so oft aufgewühlt und verängstigt sind wie ein wildes Meer. So offenbart sich für mich ganz besonders überzeugend die Relevanz dieser Geschichte für mein Leben. Ich lade euch und Sie daher ein, mit mir den Bilden in dieser Geschichte nachzuspüren und sie auf sich wirken zu lassen.


Bilder einer aufgewühlten Seele

Wind, Wasser, Meer – diese Bilder aus dem damaligen Umfeld des Verfassers eignen sich auf wunderbare Weise für die Beschreibung des alltäglichen Lebens, das so oft gekennzeichnet ist durch Hilflosigkeit und Ohnmacht. Erst recht zur Zeit während der Corona-Krise. Wie ein Spielball, wie ein kleines Schiff fühlen wir uns häufig im Leben hin- und her gestoßen von alle möglichen Schicksalsschlägen. Ereignisse brechen manchmal so plötzlich über uns ein wie Wellen über ein Boot. Wir fühlen uns dann als Opfer, ausgeliefert der Willkür der Umstände, die auf uns einstürmen. Ausgeliefert den vielen Erwartungen, mit denen uns unsere Mitmenschen bestürmen. Abhängig von der Laune der Natur bzw. den Launen unserer Mitmenschen. In solchen unruhigen Zeiten träumen wir dann nicht selten sogar davon, wie uns ein wildes Meer bedroht, in dem wir zu ertrinken drohen! Daher also fühlen sich die Bilder unserer Geschichte so unheimlich an: Sie erinnern uns an das, was sich in unserem Leben, in unseren Seelen abspielt, wenn wir uns in einer Krise befinden. Sie bringen bestimmte Seiten in uns zum Schwingen.


Die Vorgeschichte: Diakonisches Wirken

Interessant ist, welches Geschehen unserer Geschichte von der Stillung des Sturmes vorausgeht. In der parallelen Erzählung im Markus-Evangelium (Mk 4,35f.) ist es spät abends. Unsere Geschichte lässt sich gewissermaßen verstehen als Nachklang, als Versinnbildlichung der Geschehnisse, die sich zeitlich vor ihr abgespielt haben: Jesus hat nämlich den ganzen Tag über gelehrt. Er war für andere Menschen da, für „das Volk“, hat die Kranken geheilt, die Traurigen getröstet und die Verzweifelten beruhigt. Er hat unermüdlich Fragen beantwortet, seelsorgerliche Gespräche und sicherlich auch hitzige Diskussionen geführt. Diakonie in Reinkultur – das ist das, was Jesus zuvor gelebt hat. In einem Meer an Menschen, die ihn mit ihren Wogen des Leids angegangen sind, hat er unermüdlich Liebes- und Mitleidszeichen gesetzt. Für die Menschen war Jesus (und sicherlich auch seine Jünger, die ja ständig mit ihm unterwegs sind,) wie ein Vogelhäuschen auf einem schneeverwehtem Feld mitten im Winter. Ausgehungerte Vögel umringen es in Scharen und streiten sich gierig um die Samenkörner. Jesus und seine Jünger werden regelrecht belagert. „Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm und konnten wegen der Menge nicht zu ihm gelangen“, so heißt es wenige Verse vor unserer Geschichte.


Im Sturm kommt Jesus zur Ruhe!

An dieser Stelle macht Jesus nun etwas sehr Bemerkenswertes: Er gibt sich und seinen Jüngern mitten in diesem Tohuwabohu trotz oder vielleicht vielmehr wegen dieser drängelnden, drückenden, hin und her schiebender Menschenmasse die Erlaubnis sich auszuruhen. „Lasst uns ans andere Ufer des Sees fahren“, spricht er in Vers 22. Was für ein weiser, vorbildlicher Vorschlag für alle gestressten Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Pastoren, Eltern usw.; für all diejenigen also, die viel mit Menschen zu tun haben und unentwegt mit deren Bedürfnissen konfrontiert sind. So ein „Ausweichmanöver“ Jesu von Zeit zu Zeit ist in der Tat überlebenswichtig. Es schützt vor Burn-Out, hilft, wieder neu bei sich selbst anzukommen, sich neu spüren, sich zu sortieren, sich darüber klar zu werden, wer man selber und was eigentlich der eigene Auftrag ist. Von dem Gewühl der notleidenden Menschen, die mit ihren Bedürfnissen wie Wellen nach ihm und seinen Jüngern greifen – lechzend nach Heilung, Berührung, nach irgendeinem guten Wort – setzt Jesus sich ab. Er geht auf Abstand von ihren beinahe „gesetzlosen“ Sehnsüchten, die keine Schranken kennen, grenzt sich ab von ihrer grenzenloser Bedürftigkeit. Und dann folgt, wenn wir bei den Bildern unserer Geschichte bleiben, ein beinahe absurdes Bild: Bei diesem ganzem Andrang, bei diesem Gewoge der Menge, bei diesem anbrandendes Meer der Qual segelt Jesus ruhig dahin, beinahe wie der Kapitän im Witz ganz am Anfang. Völlig unbedacht und beinahe naiv lässt er sich treiben. Ohne Hast und Eile. So friedlich wie – ein Schlafender!


Ein „Schlaf“ voller Gottvertrauen

Was ist das für ein Schlaf? Es ist nicht der resignierende Schlaf eines Depressiven, der sich die Decke über den Kopf zieht und nichts mehr hören und sehen will. Es ist ein Schlaf voller Gottvertrauen. Das ist das Entscheidende! In diesem Gottvertrauen vertraut Jesus all diese notleidenden Menschen der Schöpfermacht an, die sie ins Leben rief. Das ist wohl die schönste, tiefste und wichtigste Art, zu Gott zu beten. Gott bewahrt uns Menschen ja nicht grundsätzlich vor Leiden, Krankheit und Tod. Und auch wir Christenmenschen erleben dies alles ja. Auch unter uns Christinnen und Christen sind Menschen an Corona erkrankt, werden das auch in Zukunft tun und vielleicht sogar daran sterben. Daher wird Jesus (innerlich) in der Geschichte wohl auch nicht in erster Linie um Bewahrung vor Krankheit und Tod bitten. Aber Jesus wird voller Vertrauen Gott darum bitten, dass er seine Mitmenschen, Gottes Geschöpfe, Gottes Kinder, in all ihren Ängsten, Unsicherheiten vor Einsamkeit, Kälte und Sinnlosigkeit bewahren möge. Denn gerade, wenn wir uns einsam fühlen, zwischenmenschliche Kälte erleben oder den Sinn im Leben nicht mehr sehen, werden wir uns als Menschen der Abgründigkeit unseres Daseins bewusst: Unsere Seele, ja unser gesamtes Leben, unser menschliches Dasein fühlt sich in all unserem Leiden dann oft an wie ein weites, tiefes Meer. Abgründig, un-gegründet, mit Untiefen, die kaum auszuloten sind. Freilich: Unseren Nächsten versuchen wir oft eitel Sonnenschein vorzuspielen: „Wie geht´s?“ – „Alles super!“ An der Oberfläche läuft immer alles glatt. Wir machen gute Miene zum bösen Spiel. Versuchen die Contenance zu wahren. Doch unter der Wasseroberfläche strampeln wir uns verzweifelt ab wie bei einem Tretboot, das wir am Laufen halten wollen. Und keiner merkt´s – bis zum Suizid. Und wenn es tatsächlich einmal glatt laufen sollte bei uns: Geraten wir in Krisen, erschüttern uns schlimme, unvorhergesehene Ereignisse, offenbart sich ein mächtiges Meer an Gefühlen in uns. Dann braust und tost es ins uns. Und eine undurchschaubare, schwarze Haltlosigkeit macht sich bemerkbar.


Wenn es über uns hereinbricht…

Manchmal haben wir zwar ganz dunkel eine Ahnung davon, dass eine Katastrophe ansteht, dass sich da am Horizont etwas zusammenbraut, doch wir wollen es nicht wahrhaben. Bis es dann überfallartig über uns einbricht und der Sturm beginnt. So ein Einbruch, so ein plötzliches uns erschütterndes Ereignis kann alles Mögliche sein: eine gescheiterte Liebesbeziehung, ein verlorener Posten im Beruf, ein zerplatzter Traum. Dann reißt es uns den Boden unter den Füßen weg. Wogen längst vergessener Empfindungen peitschen in uns auf. Wir drohen in einem Meer an Gefühlen zu ertrinken, in einem Wirbelwind an Gedanken unterzugehen, an einem Orkan an Selbstzweifeln zu Grunde zu gehen. Ähnlich hat es auch der deutsche Sänger Udo Jürgens besungen in seinem Liebeslied „Was ich dir sagen will“ von 1967: „Was man nicht sagen kann, weil man allein nur fühlt. Wie eine Brandung, die den Fels umspült. Die dich erfasst und mit sich in die Tiefe reißt. Ich kann es fühlen, doch nicht sagen, wie es heißt“, singt er dort. Unser Ich ist dann wie ein verlorener Nachen (Boot) auf dem weiten Meer, das über die unheimlichen Tiefenschichten unserer Seele dahintaumelt. Das Wasser steht uns bis zum Hals. Wer kennt sich dann noch bei sich selber aus? Abstrampeln ist sinnlos. Selbst wenn wir uns in die Riemen legen – keine Chance! Den Kurs können wir auch nicht mehr ändern. Nirgendwo ist Land in Sicht. Und uns trennt nur eine dünne, künstliche Holzwand vom absoluten Chaos. Jenseits unter unserem fragilen Boot liegt eine gähnende Leere, die die Mythen der Alten mit Meeresungeheuer gleichzusetzen wussten, die einen mit ihrem riesigen Rachen zu verschlingen drohen. 


Von existentiellen Fragen, tragischen Schlussfolgerungen und Jesu rettender Haltung

Dann tauchen unweigerlich existentielle Fragen auf oder besser: Wir ziehen tragische Schlussfolgerungen: „Eigentlich ist es doch egal, ob es uns gibt. Die Welt hat uns nie gewollt. Im Haushalt der Natur sind wir doch ehe nur bloße Übergangswesen, die der Auflösung durch andere Wesen harren, die sich die biochemische Energie unserer Körpermasse aneignen wollen.“ Liegt nun die einzige Rettung darin, dass wir uns, wie es sicherlich auch die Jünger getan haben werden, verzweifelt und zitternd aneinander klammern in der haltlosen Hoffnung, das ganze sinnlose Leben möge doch schnell wie ein Sturm vorüberziehen? Hilfe von außen ist wohl kaum zu erwarten, da doch alle in einem Boot sitzen. Die einzige Rettung ist hier tatsächlich der Halt bzw. die Haltung Jesu, die man wohl kaum besser beschreiben kann als mit der Gewissheit: „Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Auf dem Grunde des tiefsten Abgrundes, ja noch jenseits davon, macht Jesus seinen Anker fest. Von dort hört er die seine Existenz bestätigende Stimme durch alle Stürme hindurch: „Du bist mein geliebtes Kind. Egal, was passiert.“ Es ist das Gegenstück, das negative Umkehrbild zu dem, was wir bei Jona sehen: Jona flieht vor Gott, Jesus lässt sich fallen in Gottes Arme. Jona zermartert sich in Zukunftssorgen. Jesus vertraut sich der Fürsorge seines himmlischen Vaters an. Jona ist total ermüdet wegen chronischer Anspannung, Jesus ist tiefenentspannt. Jona schläft den Verdrängungsschlaf. Jesus den Vertrauensschlaf. Jona reißt alle anderen auf dem Bott beinahe mit in den tödlichen Abgrund. Jesus rettet sie alle.


Jesus als Fels in der Brandung

Da wecken die panischen Jünger Jesus aus der Tiefe göttlicher Ruhe. Aus ihr taucht Jesus auf. Richtet sich auf. Wie eine mächtige Weltachse zwischen Himmel und Erde. Mitten im Sturm wird Jesus zum Fels in Brandung. Und er bleibt standhaft gegen das aufgewühlte Meer. Wie ein Dompteur bezwingt er mit die Geister des Meeres, überwindet die Geister der Angst, besänftigt mit seinem starken Ich das Rumoren des wilden Es, die aufgewühlten Triebe in uns, bläst den Spuk der anderen weg. Es gibt eben etwas Stärkeres als menschliche Lebensangst: nämlich der Glaube an einen gütigen Gott, der der tragende Urgrund unseres Lebens ist. Das ist der Glaube Jesu, der den Sturm zu stillen vermag. Oder wie es der frühere katholische Priester Eugen Drewermann einmal formuliert: „Ordnung in unsere Gefühle, Übersicht in unser Leben werden wir nur bekommen, wenn jene „Stille“ eintritt, die allein das Vertrauen verleiht. Selbst das Ablegen vom Lande, selbst das Hinübersetzen ans andere Ufer, die ganze Ausfahrt über den ´See` verfolgte ja nur den Zweck, einmal Ruhe zu finden ohne den Andrang der Menge. Doch wer sind wir selber – ohne die anderen? Der ´Sturm` der da ausbricht, sobald wir allein sind, lässt, rettend, einzig die Antwort zu, die Jesus verkörpert: Wir sind in Wirklichkeit überhaupt nur als gründend in Gott, als gegründet in Ihm, - ruhend voller Vertrauen und aufrecht stehend im Sturm, gesammelt nach innen und geschlossen nach außen.“


Wachsendes Vertrauen

Die Frage, die Jesus nun nach dem Sturm an seine Jünger richtet, lautet: „Wo ist euer Glaube?“ Sie lässt sich wohl am besten übersetzen mit: „Wo habt ihr euren Glauben fest gemacht?“ Glauben freilich nicht Sinne dogmatisch korrekten Wissens, sondern im Sinne von Vertrauen. Jesu Frage ist hier auch nicht als Rüge zu verstehen nach dem Motto: „Ihr glaubt nicht richtig!“ sondern als ermutigende Aufforderung: „Wagt doch einmal das Vertrauen darauf, dass ihr im Letzten getragen seid von einem gütigen Gott, von dem ihr kommt, der mit euch durch euer Leben geht und der euch am Ende eures Leben wieder in Empfang nehmen wird.“ Je mehr freilich jemand solche rettenden Erlebnisse wie die Jünger haben kann, desto gewisser wird er sich dieses göttlichen Beistandes und wird die Lehre ziehen können, das Gott immer mitgeht. So wird tatsächlich aus der Erfahrung der eigenen Errettung ein verlässliches „Wissen“. Das Wissen darüber, dass Gott durch alle Beschwernisse und Stürme uns Menschen sicher zur Jenseite des Meeres, des Lebens führt. Derart geerdet wie in dieser Geschichte beschrieben, mit dieser vertrauensvollen Gewissheit ist es dann auch möglich, den notleidendem Menschen um sich herum wirklich hilfreich begegnen zu können, wie es in der folgenden Erzählung der wunderbaren Brotvermehrung beschrieben ist. Doch das ist eine andere Geschichte…

Bis dahin sagt Amen und grüßt herzlich euer und ihr Pastor Parvis Rahbarnia!

 

 

Sonntag, 26.04.2020

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

(Hebr. 13,14)

 

Verunsicherte Menschheit in dieser Welt

Dieser Vers aus dem neutestamentlichen Hebräerbrief besteht aus zwei Teilen – in der deutschen Übersetzung durch das Komma getrennt. Der erste Teil strahlt eine sonderbare Unruhe aus und macht regelrecht Aufbruch-Stimmung. Er atmet Orientierungslosigkeit und Heimatlosigkeit. Und eigentlich formuliert dieser Vers eine Wahrheit, die nicht nur wir Christen kennen und zu der wir uns bekennen, sondern die wohl allen Menschen auf dieser Erde in irgendeiner Form bekannt sein dürfte. Nicht nur Flüchtlingen bzw. Geflüchteten egal zu welcher Zeit und an welchem Ort. Dieser Vers spiegelt auch eine Wahrheit wider, die sich auf die Weltbilder bezieht, an die wir uns gewöhnt haben, in denen wir uns eingerichtet haben, in denen wir es uns heimisch gemacht haben – und die von Zeit zu Zeit ins Wanken geraten und die wir daher immer wieder verlassen müssen. Dann fühlen wir uns nicht mehr zuhause in dieser Welt. Schon vor knapp 500 Jahren etwa hat der Astronom Nikolaus Kopernikus durch sein heliozentrisches Weltbild aufgezeigt, dass der Mensch auf der Erde nicht der Mittelpunkt, nicht der Herr im „Universum“ ist. Vor etwa 160 Jahren hat Charles Darwin herausgefunden, dass der Mensch entwicklungsgeschichtlich von der ihn umgebenden Tierwelt nicht zu trennen ist, im Grunde genommen nicht mehr Herr über die Tierwelt ist. Und vor knapp 120 Jahren hat Sigmund Freud durch die Entdeckung des Unbewussten in unseren Seelen die Schlussfolgerung ziehen müssen, dass der Mensch viel weniger Herr im eigenen Hause ist, als ihm eigentlich liebt ist. Zu diesen drei großen Kränkungen der damaligen Menschheit seitens der Astronomie, der Biologie und der Psychologie kommen jetzt noch die moderneren Kränkungen und Verunsicherungen dazu, die es uns scheinbar unmöglich machen, dass wir uns in unserem Leben auf dieser Erde wirklich heimisch fühlen können. Man mag ja (als Christ) zu jenen Ergebnissen wissenschaftlicher Forschungen stehen, wie man will, mag an sie glauben oder nicht – eines bleibt unbestritten: dass wir momentan erneut Verunsicherungen erleben und das Gefühl verlieren, auf dieser Erde heimisch zu sein. Das bewirkt ganz gewiss die Flüchtlingskrise und die Umweltkrise. Und nun kommt auch noch die Corona-Krise dazu, die so viele unserer liebgewordenen und kostbar erkämpften Gewohnheiten in Frage stellt und selbstverständliche Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, sich auflösen und wegfallen lässt. Alles wird relativiert. Wir fragen daher im Sinne des Verses aus dem Hebräerbrief: „Wo sind wir eigentlich noch zuhause? Gibt es noch absolute Ankerpunkte, auf die wir uns wirklich verlassen können? An denen wir uns festmachen können in diesen stürmischen, ungewissen Zeiten, in denen alles relativ und nichts mehr vorhersagbar ist, in der alles sich auflöst und nichts mehr Bestand hat?

Der Ausstoß des Menschen aus dem paradiesischen Mutter-Schoß der Geborgenheit

Was die Menschheit erlebt, erleben und durchleiden wir als einzelne Menschen im Grunde genommen mit Beginn unserer Geburt. Einst lebten wir als Embryonen im Mutterleib, unserer ersten Heimat. Dort gab es klare und überschaubare „Bezugssysteme“. Eine Orientierung war leicht. Die Wände unserer Welt lagen zweifellos direkt vor uns, waren anfassbar, unhinterfragbar. Alles war klar und überschaubar. Wir fühlten uns geborgen. Und dann wurden wir hinausgestoßen in eine helle, grelle Welt. – Interessant ist es an dieser Stelle zu bedenken, was der Medizinphilosoph, Psychotherapeut und Psychiater Stanislav Grof, geboren 1931 in Prag, dazu sagte, inwiefern wir als Menschen geprägt sind durch die Erfahrungen, die wir ganz zu Anfang unseres Lebens machen: Für Grof sind Geburt und Tod die wichtigsten Erfahrungen im menschlichen Leben. Vor und während der Geburt unterscheidet Grof vier Phasen des psychischen Erlebens: 1) Das „Eins-Sein“ mit der Mutter empfindet der Fötus während der Schwangerschaft. 2) Das Leben „als Hölle“ empfindet er ab dem Einsetzen der Wehen und Kontraktionen beim Geburtsbeginn. 3) Das Leben „als Kampf“ empfindet er während der Austreibungsphase der Geburt. 4) Das „Heraustreten in das Licht des Lebens“ empfindet er am Ende des Geburtsvorganges. Und die Psyche des menschlichen Individuums wird – laut Grof – für die ganze Zeit des Lebens zutiefst davon geprägt, welche dieser Phasen ganz am Anfang für die jeweilige Person bestimmend war und wie sie von dieser erlebt wurde. – Die Bibel nun beschreibt das religiös-biblische Pendant zu dieser einstigen Mutterleibs-Welt der Geborgenheit: In fantastischen, faszinierenden Bildern erzählt sie vom Paradies, des Menschen einstige Heimat. Dort war er zu Hause, durfte sich geborgen fühlen. Dort gab es klare Fronten und Strukturen. Und dann wurde er ausgestoßen aus dieser Stätte der Geborgenheit in eine brutale, chaotische Welt, in der nichts mehr klar ist und große Verwirrung und Orientierungslosigkeit herrscht. Der Kampf ums Überleben beginnt!

Paradies und Himmel – zwei Seiten einer Medaille

Das ist der Hintergrund, der uns die Sehnsucht und Suche im zweiten Teil unseres Verses im Hebräerbrief besser verstehen lässt, diese sehnsuchtsvolle Suche nach einer neuen (alten) Heimat, die der Vers „zukünftige Stadt“ nennt. Gemeint ist sozusagen das himmlische Jerusalem. Auf das irdische Jerusalem als geborgenheitsstiftende Heimat ist ja kein Verlass. Das ist die Erfahrung der Juden durch die Jahrtausende geworden. Zu oft wurde diese ihre Stadt zerstört. Zu oft mussten sie diese Stadt verlassen, wurden unruhig, aufgebracht und mussten herumirren. Mir scheint manchmal: Das Bild für die vorwärts gerichtete Sehnsucht und die Suche nach dem Himmel, nach dem himmlischen Paradies, wird gespeist aus der rückwärts gerichteten Sehnsucht nach dem Paradies, nach dem Garten Eden. Ja vielleicht sogar nach Mutter Erde, nach dem Mutterschoß, nach dem Schoß unserer Mutter, aus dem wir alle stammen. – Vor einigen Jahren hatte ich ein interessantes Erlebnis, in dem klar wurde, dass die Frage nach dem geographischen Herkunftsort auch anders beantwortet werden kann, nämlich existentiell: Beim Spazierengehen zusammen mit einigen Verwandten begegneten wir einem stadtbekannten Künstler, der vor seinem kleinen Häuschen gerade durch den Garten ging. Da fragte eine aus unserer Runde, wo er herkäme. Seine Antwort: „Ich komme von meiner Mutter!“ – Tatsächlich jedenfalls wird in Gal 4,26 das Jerusalem „droben“ auch als die „Freie“, als „Mutter“ bezeichnet.

Irdische Stillversuche

Viele Menschen versuchen nun, ihre Sehnsucht und Suche nach diesem absoluten Ort der Geborgenheit zu stillen im irdischen Leben und auf dieser Erde. Entweder materiell, indem sie Geld und Besitz ansammeln, oder dadurch, indem sie ganz viel Nahrung zu sich nehmen. Tatsächlich erlebt ja schon jedes Baby, dass Nahrungsaufnahme immer mit Geborgenheit und Trost verbunden ist, wenn es an der Mutterbrust trinkt. Manche suchen ewigen Trost im irdischen Leben auf dieser Erde auch ideell: Sie häufen Titel oder Wissen an oder kämpfen verzweifelt um Anerkennung. Manche wiederum suchen Trost in Beziehungen. Der/die andere wird dann vergöttert, wird zum absoluten Bezugspunkt und Ruhepol gemacht und soll einem selbst 100% Geborgenheit geben. Und dann gibt es welche, die absoluten Halt in Gruppen suchen. Hauptsache irgendeine Gruppe. Diese irdischen Stillversuche müssen jedoch schief gehen, denn alles Irdische ist vergänglich, begrenzt, relativ. Wenn also jemand materielle Dinge anhäuft, ist die Gefahr groß, dass dieser zwangläufig geizig oder sogar gewalttätig wird (vgl. das Gleichnis „Vom reichen Mann und armen Lazarus“ in Lukas 16), weil er meint, seinen Besitz verteidigen zu müssen. Im Hintergrund nämlich lauert stets die Angst, dass er am Ende nicht genug hat, es nicht reicht. Und jemand anders wiederum, der in einer Beziehung den anderen vergöttert, wird früher oder später merken, wie dieser sich aus lauter Überforderung zurückzieht. Und dann muss er genau das erleben, was er unter allen Umständen vermeiden wollte: nämlich wieder allein, einsam, haltlos und ungeborgen in dieser großen, weiten Welt leben zu müssen. Wer also mit Hilfe irdischer Mittel und Dinge versucht, seine Sehnsucht nach absoluter, ewiger Geborgenheit zu stillen und im Irdischen seine Heimat sucht, kann früher oder später nur enttäuscht werden. Nichts Irdische trägt und tröstet im Letzten wirklich!

Biblische Verweise auf unsere eigentliche Heimat im Himmel

Jesus Christus bestätigt, dass es nutzlos ist, ja sogar gefährlich sein kann, sich an irdische Dinge zu hängen. Er sagt etwa in Matthäus 6, dass wir nicht Schätze auf Erden sammeln sollen, denn diese werden sowieso von Rost und Motten zerfressen. Er sagt vom Ernst der Nachfolge in Lukas 9 auch, dass er selbst und natürlich auch wir als seine Nachfolger hier auf Erden keine bleibende Stadt haben, wo wir unseren Kopf hinlegen könnten: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Hart und unerbittlich kann Jesus daher auch reagieren, wenn er auf Menschen trifft, die ihr gesamtes Leben und die wichtigsten Lebensfragen immer noch abhängig machen von irdischen Dingen. So schickt er den reichen Jüngling in Markus 10 wieder fort, der nicht bereit ist, auch auf seinen irdischen Besitz zu verzichten, um das ewige Leben zu erwerben. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes“, sagt Jesus in Matthäus 6,33. Dieses Reich Gottes kann aber auch verstanden werden als jene zukünftige Stadt, von der jetzt schon ein paar Mal die Rede war. Sie ist unsere eigentliche Heimat. Sie ist der Himmel, wo wir laut Philipper 3,20 unser Bürgerrecht haben. Unser Leben hier auf dieser Erde ist daher eigentlich als eine Durchreise zu verstehen. Wir sind, wie es der evangelische Liederdichter Paul Gerhard einst formulierte, nur ein Gast auf Erden. Das ist eine Erkenntnis, die fromme Menschen in allen möglichen Religionen immer wieder machen und aussprechen. Nackt werden wir geboren und nackt gehen wir eines Tages auch wieder. Auch Abraham aus dem Alten Testament konnte das schon bestätigen, als er etwa im 5. Mose 26,5 sagt: „Ein umherirrender Aramäer war mein Vater…“ (Elberfelder Bibel) bzw. „Mein Vorfahr war ein heimatloser Aramäer.“ (Gute Nachricht Bibel). Im Hebräerbrief heißt es an anderer Stelle (Hebr. 11,8-10), dass wir hier wie im fremden Kanaan leben und unterwegs sind zu unserer himmlischen Heimat. Aber Abraham gilt uns als Vater des Glaubens, weil er darauf vertraute, dass Gott und seine Gnade mitgehen und uns begleiten auf diesem Weg.

Ein Vorgeschmack des Himmels hier auf Erden

Tatsächlich können wir daher auch hier auf Erden einen Vorgeschmack des Himmels erleben – überall und jederzeit. Schon hier auf Erden können wir eine Ahnung dieser Geborgenheit haben, wie es einmal in jener ewigen, absoluten Heimat im Himmel, in jener zukünftigen Stadt aussehen wird. Nämlich dann, wenn wir uns wie Abraham erinnern, dass Gott, während wir durch das Leben gehen, bei uns ist und mitgeht; wenn wir uns immer wieder auf Gott beziehen z. B. im meditativen Gebet. „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“, sagte der große Kirchenvater Augustinus einmal. Wie es dermal einst wirklich im zukünftigen Himmel aussehen wird, können wir hier und jetzt natürlich nicht genau wissen und sagen. Ein Schleier liegt da noch vor unseren Augen. Wir wissen von der zukünftigen Welt ungefähr nur so viel, wie ein Embryo im Leib seiner Mutter von dieser Welt wissen kann. Ein schöner Vergleich Luthers, dem ich innerlich schon seit vielen Jahren nachgehe und den ich auf mich wirken lasse. Wichtig noch einmal: Im Hier und Jetzt, schon auf dieser Erde, können wir eine Ahnung dieser Geborgenheit unserer himmlischen Heimstätte erleben, wenn wir uns eng anbinden an den Ursprung unseres Lebens, an Gott selbst. Das führt nun allerdings zu zwei Konsequenzen:

Loslassen und teilen können

Erstens können, ja dürfen wir so leben, wie Luther es einmal formulierte, indem er sagte, als Christenmenschen können wir Besitz haben, als hätten wir ihn nicht. Das heißt, wir können eigentlich jederzeit alles loslassen und „opfern“, eben weil unsere eigentliche Heimat die zukünftige Stadt, der Himmel ist. Im Loslassen (-Können) zeigt sich die Freiheit eines Christenmenschen, die Luther so oft beschworen und angepriesen hat. Bei jedem Umzug möchte ich diese Freiheit eines Christenmenschen, loslassen zu können, noch viel mehr leben und erleben, als ich es bisher getan habe! Zweitens: Eben weil wir hier auf Erden nur Durchreisende in Richtung unserer eigentlichen himmlischen Heimat sind, sollte es uns auch leichter fallen, etwas von unserem „Ballast“ abzugeben, den andere Menschen an unserer Seite bitter benötigen, weil sie sonst – im Hier und Jetzt – schon verhungern, erfrieren oder sonst wie leiden würden. Dass wir unsere eigentliche Heimat nicht auf Erden haben, sondern (dermal einst) im Himmel (betreten werden), entbindet uns also nicht von sozialer Verantwortung, sondern gibt uns eigentlich die Stärke, schon jetzt dafür zu sorgen, dass auch andere notleidende Menschen um uns herum einen Vorgeschmack des Himmels erleben dürfen. Daher heißt es auch in den nachfolgenden Versen von Hebr. 13,14: „So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“

Wie schön, dass es so viele Menschen in unserer Gemeinde gibt, die dies schon tun – die andere Menschen unterstützen, indem sie Kranken Hilfe zur Selbsthilfe geben, Flüchtlingen/Geflüchteten ein „Obdach“ und eine Perspektive aufzeigen und in dieser Corona-Zeit körperliche, geistige und geistliche Nahrung verteilen. Das sind Zeichen eines glaubenden Vertrauens, dass Gott an unserer Seite durch das Leben geht und wir daher gerne abgeben können von dem, was wir haben. Gott segne uns dazu, dass wir das noch viel mehr begreifen.

In diesem Sinne sagt Amen und grüßt herzlich Pastor Parvis Rahbarnia

 

Sonntag,19.04.2020

Gal 3,28 – Vor Gott in Christus sind alle Menschen gleich

Liebe Gemeinde, in Gal 3,28 steht über die Christen und das Christ-Sein: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Dieser Vers ist innovativ und provokativ. Das war schon damals so. In den ersten christlichen Gemeinden achtete man sehr und mehr auf eine faire und geschwisterliche Behandlung z. B. der Frauen und der vorhandenen Sklaven, als es sonst üblich war in der damaligen römischen Gesellschaft. Auch heute noch ist dieser Vers innovativ und provokativ. In der Welt und für die Welt ganz sicherlich. Aber auch in unseren Gemeinden? Der Vers sagt doch letztlich: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Zwar steht hier der Ausdruck „allesamt sind einer in Christus“. Doch wenn alle einer sind, sind sie logischerweise auch alle gleich.

Der Vers und die Realität in Deutschland…

Die Verse vorher beschäftigen sich mit dem Gesetz. Wozu das Gesetz gegeben worden ist, was seine Funktion ist, was es mit dem Menschen zu tun hat. Auch in Deutschland haben wir Gesetze. Und im Justizwesen gilt der Grundsatz: Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Doch was die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz angeht, hat man manchmal den Eindruck, als wenn hier ein wenig geschummelt wird. Nicht immer scheinen alle Menschen gleich zu sein vor dem Gesetz. Wer viel Geld hat oder eine hohe politische oder wirtschaftliche Position bekleidet, kommt oft leichter aus der Schlinge. Da scheint es manchmal, als wenn die Richter milder sind. In der deutschen Sprache gibt es den passenden Spruch: „Die Großen lässt man laufen, die Kleinen hängt man.“ Die Tage musste ich hören, wie der Riesen-Konzern Adidas mit einer dreisten Selbstverständlichkeit plant, staatliche Kredite aufzunehmen, um die corona-bedingten fehlenden Einbußen wieder wettzumachen – obwohl der Konzern noch massive finanzielle Rücklagen hat! Kein Kleinunternehmer aber würde zur Zeit einen staatlichen Kredit bekommen, wenn er nicht zuvor nachgewiesen hat, dass er alle seine finanziellen Rücklagen aufgebraucht hat.

… und in der Welt!

Die Existenz einer gesetzlichen Ungleichheit unter den Menschen darf man in Deutschland jedoch sicherlich noch bezweifeln. Weltweit gesehen ist es jedoch unbestritten, dass die Menschen vor dem Gesetz nicht alle gleich sind. Mit den Frauenrechten in Saudi-Arabien etwa ist es nicht so weit her. In Südamerika und in der Elfenbeinküste müssen Menschen als Sklaven auf Kaffee- und Kakaobohnenplantagen schuften, damit die freien Menschen ihren Kaffee trinken können. Und von der Unterdrückung und den Repressalien, die Juden erleiden mussten quer durch die menschliche Geschichte, die sie ihrerseits aber auch in Form eines bestimmten Verhaltens des israelischen Staates gegenüber den palästinensischen Arabern antun, wissen wir auch. Auch ein Blick auf die Diktatoren dieser Welt bestätigt, dass es noch eine Menge Ungleichheit unter den Menschen gibt. Was sich etwa der Diktator Kim Jong-un in Nordkorea leistet, ist erschreckend. Und mit welchen schmierigen Eskapaden, Halbwahrheiten oder sogar krassen und offensichtlichen Lügen sich der US-amerikanische Präsident Donald Trump an der Macht halten kann ist einfach unfassbar.

Der Vers und die (geschichtliche) Realität in der Gemeinde

Wie ist es nun mit dem Vers Gal 3,28 und dem „Allesamt-einer-sein“ und dem „Gleich-sein“ in der Realität der christlichen Gemeinden? Wird in unseren Gemeinden nicht diesbezüglich auch manchmal ein wenig „geschummelt“? Werden in unseren Gemeinden alle Menschen als „einer“ vor Gott gesehen und gleich behandelt? Dieser Vers hat einen hohen Anspruch. Und er ist ein Beweis dafür, dass die Bibel der Wirklichkeit der menschlichen Geschichte oft weit voraus ist. Oft wird der Bibel ja vorgeworfen, sie sei alt und überflüssig. Sie hätte uns nichts mehr zu sagen und sei ein nutzloses Dokument vergangener Zeiten. Sie sei altmodisch und in ihren Aussagen lächerlich. Dieser Vers hier jedenfalls ist hoch-modern. Aber er ist nicht nur ein Mahnmal und eine Herausforderung für das Leben in der „Welt“ sondern eben auch für christliche Gemeinden. Dieser Vers wird auch für uns als Christen immer wieder zum Stein des Anstoßes. Es gibt auch in der zweitausendjährigen Geschichte der christlichen Kirche schändliche Beispiele dafür, wie eben nicht alle Menschen in den christlichen Gemeinden als Gleiche oder gleich behandelt wurden. Schwarzafrikaner z. B. wurden noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA als Sklaven gehalten und von ihren weißen „Brüdern und Schwestern“ als minderwertig angesehen und behandelt. Davon abgesehen, dass sie überhaupt zwangsmissioniert wurden. So konnten und mussten sich letztlich eigene „schwarze Gemeinden“ bilden.

Sind alle Menschen gleich?

Wie ist es aber konkret gemeint, dass „allesamt einer sind“, gleich sind? Gemeint ist nicht, dass es generell keine Unterschiede zwischen Menschen geben würde: Ein Mann z. B. ist keine Frau. Eine Frau kann Kinder bekommen und ein Mann ist einer Frau in aller Regel an körperlichen Kräften überlegen. Ein Sklave ist kein freier Mensch. – Leider gibt es heutzutage, wie gesagt, immer noch Sklaven. Menschen, die von anderen abhängig sind und von ihnen unterdrückt werden. – Ein Grieche ist kein Jude, da ein Grieche einen ganz anderen kulturellen Hintergrund hat als ein Jude. Man könnte die Liste jetzt fortsetzen: Ein Koreaner ist kein Vietnamese. Ein CDU-Wähler kein SPD-Wähler. Ein homosexuell lebender Mensch kein heterosexuell lebender Mensch. Ein Kaufmann kein Psychiater. Das alles klingt logisch, einfach, trivial. Doch schon auf den ersten Seiten der Bibel erfahren wir, wie Menschen sich auf Leben und Tod miteinander vergleichen, obwohl sie z. B. ganz unterschiedliche Berufe haben: Kain war ein Schäfer und Abel ein Ackermann.

Alle Menschen sind gleichwertig!

Menschen sind unterschiedlich, weil jeder auf eine ganz bestimmte Art aussieht, ganz bestimmte Sachen kann, einen einmaligen Charakter hat usw.. Aber vor Gott haben alle Menschen den gleichen Wert. Vor Gott sind alle Menschen in ihrer Wertigkeit gleich. Das heißt: Keinen Menschen liebt Gott mehr als den anderen. Keinen bevorzugt er mehr als den anderen. Keinen hat er umsonst gemacht, denn eine jede und einen jeden hat er gewollt. Ein jeder Mensch braucht Gott, ist auf ihn angewiesen. Keiner hat mehr oder weniger Anspruch bei Gott und auf Gott als sein Nächster. Gott lässt sich nicht durch Leistung beeindrucken. Und vor Ihm gilt kein Ansehen der Person. Das Neue Testament spricht mehrmals davon. Kein Mensch kann und darf sich daher im Namen Gottes über den anderen stellen, ihn unterdrücken oder entwürdigend behandeln. Wenn er das tut, so tut er das auch mit Gott. So entwürdigt er auch Gott. Im großen Endgericht, von dem Jesus in Mt 25 erzählt, wird diese Verbindung zwischen dem Menschen und Gott bzw. Christus aufgezeigt. Da werden die Schafe zur Rechten und die Böcke zur Linken aussortiert. Und der Menschensohn sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

In der Gemeinde sind „allesamt einer in Christus Jesus“

Nun sind wir bei dem wichtigsten „Punkt“ in unserem Vers: Christus. Es heißt eben nicht nur: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Sondern genauer gesagt heißt es: „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Durch den Glauben an Christus sind wir also alle einer, sind wir alle gleich, sind wir alle wie dieser „einer“ Kinder Gottes, Söhne und Töchter Gottes, sind wir alle – Brüder und Schwestern. – Nun ist das eine Verheißung. Und Verheißungen haben die Eigenschaft, dass sie wahr sein wollen und wahr sein sollen, auch wenn sie in der Realität noch nicht immer erfüllt sind. Daher meine Frage: Gehen wir in unseren Gemeinden so miteinander um, dass ein Außenstehender, der in unsere Gemeinden kommt, sagen könnte: „Ja, hier sind tatsächlich alle einer, alle eins, alle vereint in Christus! Gleichwertig, gleich geschätzt, mit der gleichen Würde versehen!“? Eine christliche Gemeinschaft kann tatsächlich ein Vorhof des Himmels sein, weil und wenn ernst gemacht wird mit diesem Vers Gal 3,28. Viele Menschen in der Welt sehnen sich nach dieser friedvollen „Vergeschwisterung“ aller Menschen, nach der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. In einer christlichen Gemeinde sollte diese Gleichheit vor Gott schon längst herrschen, weil hier alle an Jesus Christus glauben. An den, durch den wir als Menschen allesamt wie einer, wie der Eine in die Nähe Gottes gelangen und Ihn sehen.

Priestertum aller Gläubigen

Nun glaube ich aber auch, dass nicht nur alle Menschen in der Gemeinde gleichwertig sind, weil sie Kinder Gottes, Brüder und Schwestern sind. Ich glaube auch, dass alle Menschen in der Gemeinde das Gleiche tun dürfen, weil sie Kinder Gottes, Brüder und Schwestern sind. Der Protestantismus spricht oft vom sogenannten „Priestertum aller Gläubigen“. Diesen Ausdruck darf man wohl auch hier gebrauchen. Immer wieder erlebt man aber in einzelnen Gemeinden, wie ganze Gruppen von Menschen – zum Beispiel Frauen – diskriminiert werden, indem man Ihnen untersagt, bestimmte geistliche Ämter zu bekleiden oder geistliche Handlungen auszuführen wie z. B. das Abendmahl auszuteilen. In unserem Vers steht aber: „… hier ist nicht Mann noch Frau“. Was zählt ist, dass sie „allesamt einer sind in Christus.“ Ich ergänze: Was zählt, ist das Sein in Christus, der Glaube an Christus! Oft höre ich das Argument, wenn in sehr strengen Gemeinden z. B. Frauen nicht das Abendmahl austeilen dürfen: „Es geht ja nur um Funktionen und nicht um Wertigkeiten. Die Menschen an sich seien natürlich alle gleich vor Gott.“ Dazu ist zu sagen: Es ist äußerst schwer und oft gekünstelt, die Taten eines Menschen von seiner Person zu trennen. Ich bezweifle, ob das wirklich geht. Einer Frau das Austeilen des Abendmahls zu verweigern mit der absurden Begründung, dass sie eben eine Frau sei, hinterlässt ganz sicherlich Gefühle von Verletzung und Minderwertigkeit. Wie schön, dass in unserer Gemeinde solch eine Trennung nicht gemacht wird!

Noch einmal: Vergleiche dich nicht! Denn wir sind allesamt einer…

Ich könnte nun die Liste fortsetzen mit Menschen und Menschengruppen in unseren Gemeinden:  Was ist mit homosexuell empfindenden Menschen? Was mit Geschiedenen? Was mit Jähzornigen? „Hier ist nicht Homosexueller noch Heterosexueller, hier ist nicht Verheirateter noch Geschiedener, hier ist nicht Ausgeglichener noch Jähzorniger, denn sie sind doch allesamt einer in Christus Jesus.“ Darf ich im Sinne unseres Textes sagen. Machen wir es nicht, wie der Pharisäer in Lk 18, der sich mit dem armen Zöllner im Tempel vergleicht! Rümpfen wir nicht die Nase vor dem anderen! Klopfen wir uns nicht auf die Schulter, weil wir ja angeblich nicht so sind wie die anderen, so „schlimm“ sind wie der Bruder oder die Schwester! Wir sind „allesamt einer“ und nicht „gleicher“ als gleich; „primus inter pares“, wie der Lateiner sagen würde. Die Menschen um uns herum spüren, wenn wir uns in unserem Herzen hochmütig über sie erheben und unsere Nase rümpfen, abwertend über sie denken oder fühlen. Verkaufen wir unseren Bruder, unsere Schwester nicht für dumm! Menschlicher Hochmut kann sich wie eine dunkle, schwarze Wolkenwand zwischen Gott und den Nächsten schieben und dem anderen den Blick auf das wärmende Licht Gottes nehmen. Er kann dann die Wärme der Sonne nicht mehr sehen und spüren. Ihm wird kalt – und eigentlich nur deswegen, weil ihm der andere mit kühler Arroganz begegnet.

Das stille Kämmerlein und das anschließende Gespräch

Wie nun kommt man aus diesem Dilemma eines automatischen menschlichen Sich-Vergleichens heraus? Ich schlage zwei Schritte vor: Der erste Schritt ist der in das Kämmerlein, von dem auch Jesus in Mt 6 spricht. Dort möchte ich hingehen. Still und ohne groß Aufsehen zu machen. Dort möchte ich beten. Lege meine Hand auf´s Herz, gehe meinen Alltag durch. Frage mich: Wo und in welcher Situation überhebe ich mich über meinen Mitbruder, meine Mitschwester in der christlichen Gemeinde – so dass der oder die andere vielleicht nicht mehr glauben kann, dass auch er oder sie ein Kind Gottes ist, mit allen anderen „allesamt einer in Christus“ ist? Die gleiche Frage darf ich mir natürlich auch umgekehrt stellen: Wo oder in welcher Situation überhebt sich einer der Mitbrüder oder Mitschwestern über mich – so, dass ich nicht mehr glauben kann, dass auch ich mit meinen Mitgeschwistern als Kind Gottes „einer in Christus“ bin? Das ist der erste Schritt. Der zweite ist dann: Ich gehe wieder hinaus aus meinem stillen Kämmerlein und gehe auf meine Schwester, meinen Bruder zu. Suche das ehrliche Gespräch und bete vielleicht auch mit ihm/ihr zusammen.

Wenn wir offen und ehrlich sind – mit uns selbst, mit dem anderen, vor Gott – kann Neues, Gutes, Heiles und Heiliges erwachsen. Denn „die Wahrheit wird euch frei machen.“ heißt es in Joh 8,32. Kein Versteckspiel, keine Heuchelei, kein Zittern und Zagen mehr vor dem anderen. Gott sieht uns ja doch allen ins Herz. Gibt es da Hochmut oder Abwertung in unserem Herzen der oder dem anderen gegenüber? Wir dürfen damit in sein warmes, weites Licht kommen. Gott meint es gut mit uns. Er macht uns davon frei, weil Er uns hilft, zu verstehen, woher er kommt. Und Er hilft uns so, dass wir einander in Gleichheit und Brüderlichkeit begegnen können. Damit die Verheißung aus Gal 3,28 in unseren Gemeinden möglich wird und wirklich bleibt – uns zu unserem Heil, der Welt zum Zeugnis und Gott zur Ehre.

Es sagt Amen und grüßt herzlich Pastor Parvis Rahbarnia!

 

 

Sonntag, 12.04.2020

Auferstehung erfahren – mitten im Leben ins Leben

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Karfreitag ist Jesus Christus am Kreuz gestorben. Er hat das Sterben durchlitten bis zum Tod – körperlich, seelisch, geistig, geistlich. So sehr, dass er am Ende zu Gott schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ Jesus Christus hat somit das durchlebt, was auch wir Menschen in unserem Leben durchleiden. Denn auch wir Menschen sterben den körperlichen, seelischen, geistigen und geistlichen Tod – im Alltag, immer und immer wieder. Davon konnten wir lesen und hören in den kurzen meditativen Andachten, die ich vor zwei Tagen euch und Ihnen habe zukommen lassen. Dort haben wir von einigen Gesichtern, von den Bildern des Sterbens bis zum alles verschlingenden, zermahlenden, zermalmenden Tod gehört, die lauten: zermarternde Arbeitslosigkeit, zerrüttete Ehen, zerreißender Streit, zermürbende Armut, zerstörende Krankheit, zersetzendes Alter.

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Ostern ist Jesus Christus auferstanden. Er ist durchgebrochen zu einem neuen Leben bis in alle Ewigkeit. Er hat den Tod entmachtet. Auch wir Menschen dürfen eine solche Auferstehung erleben. Immer dann, wenn unser Körper sich von einer langen Krankheit erholt; wenn wir erste Schritte von der Dunkelheit ins Licht gehen; wenn wir aus dem Gefängnis unserer Angst und Minderwertigkeit hinaustreten in die Weite; wenn wir den Einflüsterungen anderer, wir seien wertlos und könnten nichts, nicht mehr glauben wollen; wenn wir uns loslösen von zwanghaften Gewohnheiten oder einem ängstlichem Sicherheitsdenken; wenn wir das Risiko wagen, eigenständig und voll Vertrauen auf eine uns liebende, tragende Macht zu leben – dann erleben wir die Auferstehung zu einem neuen Leben mitten im Leben.

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Oft erwarten wir bei Erfahrungen von Auferstehung, dass die äußeren Lebensumstände sich ändern müssten, damit wir sagen können: Da, die Auferstehungskraft zeigt sich. Wir erwarten, dass die Naturgesetze wunderhaft durchbrochen werden, dass eigentlich Unmögliches geschieht als Beweis für Gottes Auferstehungskraft. Und nicht selten werden wir dann enttäuscht, weil wir eben nicht erleben, dass jemand z. B. plötzlich aus seinem Rollstuhl aufsteht, ein Todkranker wieder gesund wird oder auf einmal eine Million Euro auf unserem Konto sind, mit dem wir gewissermaßen auferstehen könnten zu einem echten, glücklicheren Leben. Solche wunderhaften Veränderungen äußerer Lebensumstände scheinen mir eher oberflächlicherer Natur zu sein. Sie bringen für mich nicht die Tiefe des Wunders zum Ausdruck, die die Auferstehung Jesu in sich trägt.

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Viel wunder-barer als solche äußerlichen Wunder an der Oberfläche scheinen mir oft Änderungen innerer, fest gefahrener Einstellungen zu sein. Für mich ist tatsächlich das Herz der eigentliche Ort, an dem das Wunder der Auferstehung im Menschen erlebbar werden kann. Wie oft verzweifeln wir nicht an den alltäglichen Begrenzungen im Leben? Wie oft lassen wir uns in unserer Angst vor Fehlern oder Leiden davon abhalten, das Leben mutig anzupacken und zu gestalten?!  Wie oft halten wir an Verbitterung fest?! Viel zu oft beten wir mitten im Leben eher den Tod an, der für uns in unserer Verzweiflung und Angst die letzte Macht hat, dem wir die Hoheit über unser Leben überlassen. Durch die Brille des Todes definieren wir so viele Dinge in unserem Leben. Doch immer da, wo in uns Hoffnung aufkeimt, wo wir das Jammertal jahrelanger Trauer verlassen, wo wir – auch in unseren Gemeinden – ablassen von jahrelanger Verbitterung oder vorwurfsvollen Haltungen, wo wir bereit sind, einen jahrelangen Streit zu beenden und die Versöhnung zu suchen oder wo wir nicht mehr auf die Angst im Leben hören, zu kurz zu kommen, und von Herzen teilen, da findet Auferstehung statt, da zeigt sich ihre Kraft!

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Solche Herzenswunder finden häufig in der Stille statt. Schön hat dies der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche ausgedrückt, indem er sagte: „Die größten Ereignisse — das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“ Fürwahr: Das wirklich Wichtige und Große, die Auferstehung, findet in der Stille statt. Beinahe unmerklich, nicht einsehbar, so dass man sich im Nahhinein oft verwundert fragt, wie das alles geschehen ist.  Und solch ein inneres Herzenswunder geht äußeren, buchstäblichen Wundern oft voraus: Wir lassen ab von lähmenden Schuldgefühlen oder erleben Vergebung der Schuld und können – buchstäblich – wieder laufen. Wir gewinnen im Leben wieder eine Perspektive und können daraufhin besser sehen. Wir bejahen unser eigenes Leben und dass wir ein Recht darauf haben, Raum einzunehmen, und beginnen wieder zu essen. Und  es würde wohl von Stund an auf der Welt weniger gehungert, wenn Menschen Ihre ängstliche Enge überwinden und das, was sie haben, untereinander teilen. So vertrauensvoll, wie es das Kind in der Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung tut. Genug zu essen hätten wir ja auf diesem Erdball. Doch wie schwer es doch zu sein scheint, verängstigte Herzen zu überwinden, zeigt die Menge hungernder Menschen auf diesem Planeten. Auch die aktuelle Corona-Krise zeigt das: Nicht nur, dass in diesen Tagen viele Mitbürger unter uns ängstlich Klopapier horten. Nicht nur, dass viele Staaten weltweit ihre Grenzen schließen und sich vor allem wieder in Europa somit voneinander abschotten. Vor kurzem haben sogar die USA den Chinesen Schutzmasken, die eigentlich von Deutschland bezahlt wurden und kurz vor der Auslieferung dorthin standen, zu einem dreifachen Preis "abgekauft". Solch eine Überwindung innerer, blockierender Angst kann wohl tatsächlich nur die göttliche Kraft der Auferstehung bewirken, wie sie sich in Jesus Christus exemplarisch zeigt.

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Diese Erfahrung von Auferstehung, die uns mitten im Leben zu neuem Leben befähigt, wünsche ich jeder und jedem von uns. Gott möge uns sie neu in diesen Ostertagen schenken und uns durch sie ermutigen in diesen dunklen Tagen, die nun auch durch Isolation bestimmt sind. Ich schließe mit einem wundervollen Gedicht von Beate Schlumberger:

Auferstehung

Ein tiefes Aufatmen

Eine Hinwendung zur Hoffnung

Ein ganz neues Gefühl

Ein geduldiges Abwarten

Ein bahnbrechender Gedanke

Eine beherzte Tat

Eine bereinigende Aussprache

Ein erlösendes Weinen

Ein versöhnliches Lächeln

Eine behutsame Loslösung

Eine mutige Öffnung

Eine Umkehr zum Leben

Auferstehung hat unzählige Gesichter

Amen!

 

Sonntag, 05.04.2020 

Psalm 23: Dem guten Hirten auf der Spur – Von großen Momenten und großartigen Hilfen


Große Momente
Liebe Gemeinde, es gibt Phasen und Momente im Leben, in denen alles auf dem Spiel zu stehen scheint. In denen sich zeigt, ob das, was man bisher gelebt hat, wirklich Wert für einen selbst hatte. Momente großer Wahrheit und Wahrhaftigkeit, in denen alles Um-Den-heißen-Brei-Reden nichts mehr nützt und nur noch sinnlos und leer erscheint. Momente, in denen man schonungslos Stellung beziehen muss. Momente, in denen wir uns nicht mehr in die Tasche lügen dürfen, um uns nicht selber restlos und unwiederbringlich von der Wahrheit unseres eigenen Lebens abzuschneiden. „Man kann mit einer Lüge um die ganze Welt kommen, aber man kommt nie bei sich selbst an!“ lautet ein russisches Sprichwort. Wie wahr! In diesen besonderen Momente zeigt sich: Wenn ich jetzt so weiter mache wie bisher und mich nicht für eine Veränderung entscheide, dann werde ich am Ende meines Lebens meine Trägheit bereuen und erkennen müssen, dass ich das Leben, mein Leben, verpatzt, verspielt und verloren habe.


Brötchenhälften für´s Ehepaar
Es endet mitunter dann so tragisch wie in der Geschichte von dem Ehepaar, das schon 50 Jahre miteinander verheiratet ist – diese Tatsache an sich macht jetzt natürlich noch nicht die Tragik aus  Diese so lange verheirateten Eheleute sitzen also seit einem halben Jahrhundert zusammen am Frühstückstisch. An ihrem 50. Hochzeitstag sagt die Frau plötzlich zu ihrem Mann: „Schatz, ich habe nun Jahre lang immer die untere Brötchenhälfte gegessen, obwohl ich die untere doch nicht so mag, damit dir die obere bleibt, die du doch so gerne magst. Heute zur Feier des Tages möchte ich daher mal die obere Hälfte essen!“ „Was?“ fragt der Mann entsetzt. „Ich habe all die 50 Jahre bisher immer die obere Brötchenhälfte gegessen, die ich nicht so mag, und dir die untere gelassen, weil ich dachte, die untere sei dir lieber!“ Ein ehrliches, wahrhaftiges Wort zu früherer Zeit hätte all die Qualen am ehelichen Frühstückstisch vermeiden können. Eine Situation, wie sie Loriot sich nicht besser hätte ausdenken können.


Psalm 23 und seine Bilder
In kritischen Phasen wie der jetzigen, in der uns das Corona-Virus in die Zwangsisolation treibt, in der wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, mag uns ein bekannter Psalm trösten, der uns berühren möchte tief in unseren Seelen. Die Bilder, durch die er spricht, ruhen als archetypische Bilder abrufbereit tief auf dem Grunde unserer Seelen und steigen immer dann als Bilder der Sehnsucht und Hoffnung in uns hoch, wenn wir aufgewühlt sind. Diese Bilder trösten uns dann, indem sie uns die Gewissheit der Geborgenheit und des Getragen-Seins vermitteln. Ich spreche vom Psalm 23, der nach der Lutherübersetzung 2017 wie folgt lautet:
Der gute Hirte 1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. 2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. 3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. 4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. 5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. 6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.


Das Puzzle unseres Lebens setzt sich zusammen
Mitten in den Stürmen unseres Lebens drohen wir oft unterzugehen in Verzweiflung oder in einem Wust an Anforderungen und Erwartungen anderer, die auf uns einprasseln. Oft aber auch in jenen kritischen Phasen, spätestens aber gegen Ende unseres Lebens – dann aber umso klarer und eindrücklicher – bemerken wir: Wir sind geführt worden – wie von einem guten Hirten – durch Höhen und Tiefen von einer guten Macht, die sich Gott nennt. Und alles, was wir erlebt haben, was uns widerfahren ist, ordnet sich harmonisch zu einem großen Ganzen, offen gebliebene Enden schließen sich kreisförmig und alles fügt sich zusammen wie ein königliches Puzzle. Eines greift ins Andere und alles bekommt auf einmal einen Sinn. Dann lehnen wir uns erstaunt und zufrieden zurück, weil in uns die Gewissheit entsteht, dass wir eigentlich zu keinem Zeitpunkt unseres Lebens alleine waren, sondern Gott unseren Lebensweg mitgegangen ist und alles wohlgeleitet hat. Wenn man den Erzählungen älterer Leute nur einmal genauer lauscht, kommt man oft in andächtiges Schweigen. Da formt sich dann ein beeindruckendes Lebensbild. Oft bemerkt der Erzählende erst beim Erzählen, wie sich alles in seinem Leben zu einem Sinngefüge zusammenordnet. Und nicht selten gerät auch der Zuhörende ins Nachdenken über sein eigenes Leben und es offenbaren sich auch ihm in seinem Leben Gottes Fußspuren und seine Führung. Es zeigt sich, wo Gott überall „seine Finger im Spiel“ hatte.


Wenn wir uns verlieren
In dem Trostpsalm 23, dessen Wahrheit der Mensch in der Krise bei der Rückschau über sein Leben erfahren mag, wird uns Gott, der Herr, vorgestellt, als „mein Hirte“. Er geht voran und bahnt den Weg. Folge ich ihm, so gehe ich nicht verloren. Und fühle ich mich verloren, so muss ich nur den Hirten anschauen, um der Spur des Lebens folgen zu können. Immer wieder kommt es ja vor, dass ich mich verirre, falsch abbiege und in eine Gegend verschlagen werde, die ich nicht kenne. Bewusst formuliere ich hier im Passiv: verschlagen werde. Denn fühlt es sich nicht oft so an, dass wir trotz besten Wissens und Gewissens, immer auf der Hut seiend, das Richtige aktiv zu tun, hilflos in eine Richtung gedrängt werden, in die wir eigentlich nie wollten, weil wir sie gar nicht kennen oder sie uns sogar unheimlich vorkommt? Oft kommt es so ganz anders, als wir es uns erträumt hatten. Und dann blöken wir, meckern und jammern unzufrieden wie ein orientierungsloses Schaf, das sich verlaufen oder im Gestrüpp von Schuld und Angst verheddert hat.
Gott sei Dank!
Gott reagiert dann nicht so, wie wir Menschen oft mit erbarmungsloser Härte reagieren können: „Selbst schuld! Hätte ich dir ja gleich sagen können, dass das nicht funktioniert, was du da angestellt hast. Du warst nicht aufmerksam genug, nicht vorbereitet genug, nicht dickhäutig genug, nicht schlau genug. Sieh zu wie, du alleine klar kommst!“ Gott geht dem Verlorenen nach, wie der gute Hirte. Er nimmt das Verlorene, wenn er es gefunden hat, freudig auf die Arme und päppelt es wieder auf, damit es leben kann.


Die Logik der Welt gegen die Logik göttlicher Barmherzigkeit
Das darf für uns Menschen eine (mahnende) Ermutigung sein, es dem guten Hirten gleich zu tun. Der Hirte macht halt und begibt sich auf die Suche nach dem einen Schaf, um es zu retten. In einem Bibelgesprächskreis wurde ich einmal gefragt, wie wir uns als Christen denn nun von der Welt unterscheiden können? Wir diskutierten damals unter anderem über die Frage, welcher Kleidungsstil im Gottesdienst angemessen sei. (!) Es kam dann die Aussage, dass wir uns als Christenmenschen doch irgendwie von der Welt unterscheiden müssen. Nun, hier ist ein Punkt, der beschreibt, wie wir uns als Christenmenschen in unseren Kirchen von der Welt unterscheiden könnten: Dass wir nämlich Rücksicht nehmen – im wahrsten Sinne des Wortes Rück-Sicht – auf die Schwächsten unter uns: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Joh 13,34f. – Die Welt draußen ist gnadenlos: Der Stärkste überlebt, „survival of the fittest“ würde Charles Darwin sagen. Gerade erleben wir die grausame Logik der Evolution, nach der unsere Welt „funktioniert“: Das Corona-Virus rafft alle dahin, die nicht stark genug sind, seinen Angriffen zu widerstehen. Und jede neue Mutation fordert den menschlichen Organismus auf´s neue hinaus. Bei jedem Einzelnen bleibt die Frage, wer am Ende gewinnt und sich als der Stärkere erweist. Die Schwachen dürfen, weil können nicht mehr weiterleben. Das ist die Logik der Natur, die wir in unserer Gesellschaft oft wie selbstverständlich und unreflektiert übernehmen: Wer nicht mitzieht und mithält, hat verloren und ist daher verloren: Schneller, höher, weiter. Die Welt wie ein ewiger Kampfplatz – am Buffet, in der Straßenbahn, im Berufsleben. Die „Welt“ kalkuliert und berechnet, fragt, was sich lohnt und was nicht. Die Masse überrollt die Minderheit, dominiert sie, macht sie platt und hat immer Recht, einfach weil sie die Mehrheit ist. Die Logik der Welt im Umgang mit den Schwächsten ist auf groteske Art und Weise illustriert in den turbo-kapitalistischen Wirtschaftssystemen in Staaten wie China oder den USA. Aber so sollte es nicht sein in der Gemeinde Jesu Christi!


Die Verlorenen unter uns?
Wir machen uns in unseren christlichen Kirchen häufig hochmütig Gedanken darüber, wie wir die „Verlorenen draußen, außerhalb der Kirchen“ um ihrer eigenen Errettung willen erreichen können. Wie wir die Abseitigen in unsere Gemeinden bekommen. Was aber ist mit denen, die in unseren Gemeinden außerhalb stehen, ausgeschlossen sind, abseits ihr Dasein fristen oder ungeachtet links liegen gelassen werden? Die sich quälen in Glaubenszweifeln, verzweifeln an Kälte und Lieblosigkeit, verstrickt sind in sündigen sprich angstvollen und süchtigen Lebensstrukturen? Wie viele Menschen auch innerhalb der Gemeinde fühlen sich erst recht in dieser krisenhaften Zeit von Covid-19 einsam und allein gelassen, unverstanden, vergessen und verloren und müssten wieder in unsere Mitte geholt werden, in die Mitte der Schafsherde, um sich ein wenig am Pelz der Artgenossen zu wärmen?


Einer für alle und alle für einen
Für jeden einzelnen unter uns gilt, dass der Herr sein Hirte ist. Jedem einzelnen unter uns geht Gott nach, wenn er sich in seinem Leben irgendwo im Gestrüpp verheddert hat und nicht mehr weiter kann. Und so stehen auch wir vor der Herausforderung, jedem einzelnen Bruder und jeder einzelnen Schwester, so gut es geht, nachzugehen und zu fragen, was denn los sei. Warum z. B. er oder sie sich immer mehr zurückzieht aus der Gemeinschaft. Das ist eine große Herausforderung, gewiss. Und wenn einer da alles stemmen müsste, wäre er gewiss überfordert. Aber wir sind ja mehrere. Auf die Schwächsten Rücksicht zu nehmen kann in diesen Tagen konkret bedeuten, zu schauen, wen wir einmal anrufen könnten, um sie/ihn zu fragen, wie es ihr/ihm denn geht. Oder jemandem, von dem wir wissen, dass es für sie/ihn zur Zeit lebensgefährlich ist, hinaus zu gehen, etwas zu essen vor die Tür zu stellen. Die „Welt“ würde jetzt hin- und her rechnen und sagen: Lohnt sich das, so einen riesigen Aufriss zu machen für diese paar Wenigen, die vielleicht sowieso kaum noch die Kraft haben, sich „effektiv“ einzubringen in das Gemeindeleben? Ja, es lohnt sich immer. Der gute Hirte macht es uns vor. „Einer für alle – alle für einen.“


Neues Leben für den Seestern
Dazu eine kurze Geschichte: Ein Mann geht am Strand spazieren und sieht einen kleinen Jungen, wie dieser mit viel Geduld und Ausdauer immer wieder einen von den vielen Seesternen, die die Wellen an Land gespült und der tödlichen Trockenheit ausgesetzt haben, in die Hand nimmt und ihn ins Meer zurückwirft. Daraufhin spricht der Mann den Jungen an: „Junge, was machst du da? Sieh dich doch Mal um: Hier am Strand liegen tausende Seesterne. Und immer wieder werden neue angespült. Hör auf mit deinem sinnlose Getue. Das lohnt sich nicht!“ Daraufhin nimmt der Junge erneut einen Seestern in die Hand, wirft ihn in das Wasser, und antwortet: „Für den schon!“
Ich freue mich sehr, liebe Gemeinde, in den letzten Wochen, in denen der Corona-Virus so viel Not und Elend über das Leben so vieler Menschen auch aus unseren Reihen gebracht hat, sehen zu dürfen, wie viele liebe Menschen sich um die Schwächsten in unserer Gemeinde – aber natürlich auch im eigenen Umfeld – kümmern. Das ist richtig so! So wandeln wir in den Fußspuren unseres guten Hirten. Das bedeutet für mich christliche Gemeinschaft.
Amen!

 

Liebe Leserin, liebe Leser,

in der folgenden Predigt stelle ich Ihnen einmal einen ganz ungewöhnlichen theologischen Ansatz vor, wie wir die Figur und die Geschichte des Judas Ischkariot auch verstehen könnten. Es ist ein Gedankenexperiment, zu dem ich herzlich einlade:

Judas – klarsichtig, verzweifelt, begnadigt

Es gibt Gestalten in der Bibel, die erschrecken und Angst machen. Kain, Saul, Hiob, Hananias und Saphira z. B. Sie stehen für die Möglichkeit totaler Verlorenheit und Verzweiflung und zeigen uns, wie tief die Abgründe sind, in die wir als Menschen fallen können. Wohl aber keine Gestalt erscheint uns so dunkel wie Judas, von dem sogar Jesus behauptet, es wäre besser, dieser sei nie geboren worden (Mk 14,21). Durch seine Hilfe wurde Jesus gekreuzigt. Da Jesu Leiden und Sterben nach einem Sinn verlangen, hat die frühe Kirche in dem Verrat des Judas einen heilsnotwendigen Akt gesehen. Judas war zu seinem Tun vorherbestimmt und hatte gewissermaßen das Pech, als „Gefäß des Zornes“ (Röm 9,22), als ein Instrument benutzt zu werden, durch das Gott im Sinne Luthers des Teufels Werk gebraucht, um zu seinem eigenen hindurchzustoßen. Judas war dabei nicht bloß ein einfacher Verräter, sondern laut Lukas (Lk 22) und Johannes (Joh 13) fuhr sogar der Satan in ihn hinein. Judas als Persönlichkeit freilich bleibt dabei undurchschaubar und zwielichtig. Es findet keine Auseinandersetzung mit ihm statt. Man versteht ihn als Mensch in seinem Handeln gar nicht. Zweifel seien an dieser Stelle erlaubt. Darf man die Wahrheit eines Menschen einfach so auf simple dogmatisch-theologische Erklärungen reduzieren? Sollte Gott denn wirklich Menschen als Werkzeuge erschaffen, nur um sie später wieder zu vernichten? Und was ist mit der menschlichen Schuld bei unvermeidlichen, weil heilsnotwendigen Taten? Im Nachhinein ist immer alles schnell erklärt, aber im Augenblick der Tat? Steht hinter dieser nicht oft eine lange, komplizierte Motivgeschichte?

Oft wird Judas mit Petrus verglichen. Beide haben Jesus verraten. Beide verzweifelten anschließend. Doch während Petrus halbherzig und aus momentaner Angst handelte und später (vgl. Joh 21) auf die Gnade Gottes vertraute (?), verriet Judas den Herrn in vollem Bewusstsein und durchdacht – und verzweifelte anschließend an der Gnade Gottes. Im Sinne Luthers trug Petrus die evangelische Verzweiflung in sich, die ihn umso mehr in die Arme Gottes trieb. Judas aber litt an der teuflischen Verzweiflung, die ihn in die totale Finsternis fortriss. Wieder regen sich Zweifel: Ist nicht der Glaube an die Gnade Gottes selber schon ein Geschenk der Gnade? Tatsächlich tut die Bibel und tun wir im Namen der Bibel dem Judas bitter Unrecht, wenn wir sein Handeln als bloße heilsgeschichtliche Notwendigkeit abtun und mit dogmatischen Redensarten ein für alle Mal abfertigen. Sicher, dadurch befriedigen wir unser Bedürfnis, uns abzugrenzen, indem wir den anderen verunglimpfen: „So wie Judas ist keiner von uns. Keiner kann so sein ... weil keiner so sein darf!“ Tatsächlich aber steht Judas für eine menschliche Möglichkeit in uns. Die Reaktion der Jünger jedenfalls auf die Aussage Jesu, dass einer unter ihnen Jesus verraten würde, spricht Bände: Jeder von ihnen offenbart seine eigene Unsicherheit durch die Rückfrage, ob er vielleicht selber der Verräter sei. Aufhorchen jedenfalls lässt das, was Judas am Ende seines Lebens tut: Er ermordet sich selbst. Und die Art und Weise, wie er stirbt – er „stürzte vornüber und barst mitten entzwei, und alle seine Eingeweide quollen hervor“(Apg 1,18) – ist verräterisch. In den Erzählungen der Menschheit sterben so nur innerlich sehr zerrissene Menschen. Schon taucht die Frage auf, wie schrecklich das Leid, wie tief die Verzweiflung, wie groß die Hoffnungslosigkeit eines Menschen sein müssen, wenn jemand derart Hand an sich legt. Wäre es unser eigenes Kind, wir fänden bis zum Ende unseres Lebens keine Ruhe mehr immer in dem Verlangen, noch besser zu verstehen, was die Gründe für jenen verheerenden Schritt gewesen sein könnten.

Zerrissen zwischen Jesus und der Synagoge

Es lohnt sich, zu versuchen Judas in seinem Handeln zu verstehen. Und zwar nicht – wie es oft geschieht – indem wir einen Menschen und sein Tun vom Ende, sondern vom Anfang her zu verstehen suchen. Es ist der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann, der einen solchen Versuch in seinem Kommentar zum Markusevangelium auf einfühlsame und überzeugende Art gemacht hat. Dieser Kommentar ist mir an dieser Stelle daher zu einer großen Inspiration und Ermutigung geworden. Was also war die Absicht für Judas Verrat? Geldgier? Wohl kaum. Als Kassenwart, der Judas laut Johannes war (Joh 12,6), hätte er leicht mit der kompletten Kasse abhauen können. Und die 30 Silberlinge, die Judas für seinen Verrat bekam, sind wahrhaftig keine große Summe. Kurze Zeit später hat er sogar bereut, Jesus gegen Geld verraten zu haben. Hat Judas durch den Verrat vielleicht den Hohen Rat und Jesus zusammen führen wollen, um Jesus zum Handeln zu drängen? Hat es Judas gewurmt, dass Jesus in diesen entscheidenden Tagen des Passahfestes die Chance nicht ergreift, seine Messianität ein für alle Mal gewaltig und wunder-haft unter Einsatz himmlischer Heerscharen durchzusetzen? Stattdessen ständig diese ewig müßigen Diskussionen um letztlich zweitrangige theologische Fragen, was Jesus bei den jüdischen Instanzen endgültig verhasst gemacht haben dürfte. Doch auch nicht die Sehnsucht nach dem endgültigen politischen Durchbruch Jesu wird der Hintergrund für Judas ́ Handeln gewesen sein. In den knapp drei Jahren, in denen Judas Jesus kennen lernen konnte, wird jener geahnt haben, dass Jesus sich zu solch einem politischen Gewaltakt nie und nimmer hätte hinreißen lassen. Um Judas ́ Motivation für sein Handeln zu verstehen, gehen wir vor, wie wir es immer machen sollten, wenn wir einen Menschen verstehen wollen: Wir schauen in dessen Biographie und fragen, woher ein Mensch eigentlich kommt. Die Bibel nennt den Verräter „Judas Iskariot“. Hebräische Ohren hören aus dem Nachnamen dessen Herkunftsort heraus: „Iskarioth steht für „isch karioth“, zu Deutsch: „Mann aus Karioth“. Karioth aber ist eine Stadt in Judäa. Damit bildet Judas eine Besonderheit im engeren Jüngerkreis, denn alle anderen Jünger kommen aus Galiläa. In Judäa aber liegt der JerusalemerTempel und dort haben die konservativen Theologenkreise ihren Hauptsitz. Schon allein von seiner Herkunft her wird Judas den prinzipiellen Gegensatz zwischen dem, was die konservativenTheologenkreise vertreten und dem, wofür Jesus in seiner ganzen Person steht, am meisten begriffen haben. Er wird den unüberwindbaren Zwiespalt zwischen der Synagoge und der Botschaft Jesu am stärksten gespürt haben. Da das Gesetz, hier die Güte. Da die authoritäre Tradition, hier die personifizierte Menschlichkeit. Da die Absolutheit der Gebote, hier die Absolutheit menschlicher Bedürfnisse und Situationen (Stichwort: Ährenraufen am Sabbat in Mk 2). Da Gott als strenger Gesetzeshüter und Richter, hier Gott als „Abba“, als barmherziger Vater. Heilige Gesetze, mit denen man notfalls auch über Menschen(leichen) gehen kann, kannte Jesus nicht. Unumstößliche Gesetze, mit denen man im Namen Gottes auch Menschen umstoßen darf, waren ihm fremd. Was ihm heilig war, waren Menschen in ihrer Not. Und um diese zu lindern, schaute er lieber in das menschliche Angesicht, als zwischen die Deckel eines Buches. Und in Reinheitsfragen war Jesus das Innere unendlich wichtiger als alles Äußere (vgl. Mk 7). Zusammenfassend könnte man sagen: Jesus begegnete Menschen nicht misstrauisch und arrogant, sondern vertrauensvoll und anspruchslos. Und er war in allem unberechenbar, spontan und hat den Glauben an Gott radikal relativiert, humanisiert und personalisiert. Er war schlicht eine gewaltige Provokation in den Augen all der überstrengenThorajuristen.

 

Die Hoffnung auf ein klärendes Gespräch

Dieser konfliktreiche Gegensatz zwischen Jesus und Tempel war so unüberwindbar groß, dass sogar die engsten Jünger Jesu ihn gar nicht so recht begreifen konnten. Sogar noch Petrus hält später an der Unabdingbarkeit jüdischer Speisegebote fest (vgl. Gal 2) und bekommt von Gott sogar extra eine himmlische Vision, um zu verstehen, dass in den Augen Gottes das Leben nicht mehr geteilt werden darf in rein und unrein (Apg 10). Und wissen wir heutigen Christen eigentlich um die Radikalität dieses Gegensatzes? Zu wie viel Kompromissbereitschaft und privater Gesetzlichkeit im Alltag lassen wir uns eigentlich hinreißen? In der intensiven Nachfolge Jesu wird sich für Judas jedenfalls – schon aufgrund seiner biographischen Herkunft – der Konflikt immer mehr verschärft haben. In seinem Erleben geht es um alles oder nichts, Sein oder Nicht-Sein. Auf der einen Seite ist die Anbindung und Geborgenheit an eine jahrhundertalte Tradition, auf der anderen Seite der „frech“ und frei umherwehende Geist Gottes. Judas hängt noch so sehr am Alten, dass ihn die Lehre Jesu zutiefst aufwühlt. Sein neuer Meister ist für ihn gleichzeitig zu einem Befreier und Versucher geworden, zu einem großartigen Visionär und grausamen Infragesteller von allem. Eine unvorstellbare Zerreißprobe für Judas! Wer hat in einer solchen Situation die Kraft, eine klare, kompromisslose und endgültige Entscheidung für eine Seite zu treffen?

Vor einem offenherzigen Gespräch mit seinem Meister schreckt Judas zurück. Jesu Weite und Güte sind ihm zu groß, sein Licht zu hell. Es sticht ihm in die Augen. Und nun das Entscheidende: Judas versucht, eine Lösung der inneren Zerrissenheit herbeizuführen, indem er die Notwendigkeit einer Entscheidung nach außen delegiert. Andere sollen stellvertretend für ihn das Unvereinbare vereinen, die starren Gegensätze befrieden und entscheiden, wo die Wahrheit steht. Er will ein Gespräch zwischen Jesus und dem Hohen Rat erzwingen in der Hoffnung, dass der Hohe Rat die zutiefst fromme Haltung Jesu anerkennt und Jesus wiederum versteht, dass es ganz ohne Gesetze und Gebote auch nicht geht. Und schließlich ist die Passahzeit die Gelegenheit für ein solches Gespräch, darf doch zu dieser Zeit kein „kurzer Prozess“ gemacht werden. Das Ziel soll eine endgültige Absolution für Jesus sein und damit ein Ende mit dem elenden Räuber-und-Gendarme-Spiel, der unerträglichen Spannung und den endlosen Gewissenskämpfen. Endlich einmal wieder ruhig schlafen mit dem von höchster Instanz bestärktem Gewissen, dass es möglich ist, der Synagoge und Jesus gleichzeitig anhängen zu können. Wir verstehen nun auch die Art und Weise, mit der Judas seinen Meister verrät. Eine gute Beschreibung des Aufenthaltsortes und des Aussehens Jesu oder ein einfacher Handwink hätten doch gereicht, um Jesus an die Soldaten auszuliefern. Es ist aber ein Kuss, der nicht als besonders zynisch und hämisch aufzufassen ist, sondern schlicht als Ausdruck bleibender Freundschaft. So als wollte Judas sagen: „Wenn ich dich jetzt verrate, tue ich das nicht als Feind, sondern als Freund. Nicht gegen dich, sondern für dich, für die Sache und – für mich.

 

Scheitern, Verzweiflung, Tod – Gnade ihm, Gott!

Nicht zum Tode hin will Judas Jesus verraten, sondern zu einem befreiten und erlösten Leben hin. Doch die religiös führenden Kreise reagieren mit eiskalter Machtpolitik. Zu oft schon ist ihr Ansehen und ihre Autorität durch diesen Zimmermann aus Nazareth beschädigt worden. Das ist nun die Chance, dem ganzen Spuk endlich ein Ende zu bereiten. Entsprechend groß ist der Schock für Judas, als er mit ansehen muss, dass alles auf eine Katastrophe zuläuft und am Ende der Tod auf seinen Meister wartet. Nirgendwo in der Bibel lesen wir von Erleichterung oder Genugtuung auf Seiten des Judas nach der Auslieferung, stattdessen von intensiver Reue und verzweifelten Wiedergutmachungsversuchen (Rückgabeversuch und Wegschleudern des Geldes)! Das Vertrauen zur Synagoge ist bei Judas endgültig zerstört, sein neuer Meister bald ebenso. Und das durch seine Hand! Judas wollte alles gewinnen, hat nun aber alles verloren. Er steht alleine da, voller Schuldgefühle und Selbstvorwürfe. Und es gibt keinen, der ihn davon befreien könnte. Die Synagoge will es nicht mehr. Jesus kann es nicht mehr. Wie soll ein Mensch so leben können? Das muss die Hölle sein, die der große dänische Søren Kierkegaard sinngemäß tatsächlich so beschreibt: Als ein anhaltendes Sich-Quälen-Müssen durch ein Leben, dem man eigentlich nur noch entfliehen will. Wäre es für einen solchen Menschen nicht wirklich besser, er wäre nie geboren? In einem einzigen autoaggressiven Akt findet Judas daher die Lösung seines Dilemmas, den Ausstieg aus jener Dynamik dämonischer Verzweiflung: Selbstmord. Ist in Judas der Teufel? Ein armer Teufel allemal – und ganz gewiss nicht der hinterhältigste und bösartigste Jünger der Zwölf, sondern eher der ehrlichste und hellsichtigste. Er litt an einem Konflikt, der die christliche Kirche seit zwei Jahrtausenden in Atem hält und jeden einzelnen Menschen zu einer Entscheidung zwingt, wie radikal er Jesus eigentlich nachzufolgen vermag. Und insofern ist Judas ein „Werkzeug der Erlösung“, als dass er aufzeigt, wie unerlässlich eine solche Entscheidung ist, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – verräterisch aber auch Kompromisse sind. Judas ist ein Mensch wie jeder von uns. Und eine menschliche Möglichkeit in jedem von uns. Das – IHN – gilt es anzuerkennen und nicht zu verdammen, damit wir ganz erlöst sein können.

In der Kirche von Vezelay in Frankreich gibt es zwei Abbildungen. Auf der einen ist Judas zu sehen mit einem schmerzverzerrten Gesicht und einem geöffneten Mund wie mit einem unaufhörlichen Hilferuf. Auf der zweiten daneben ist sein Gesicht voller Entspannung und Frieden, Augen und Mund sind geschlossen. Und er wird getragen auf den Schultern von – Jesus.

So, liebe Leserin, lieber Leser, könnten wir als Christen doch auch einmal die Figur des Judas verstehen und somit die anstehende Osterzeit mit dem Karfreitag und der Auferstehung in ein neues, menschlicheres Licht getaucht sehen!

Es grüßt herzlich Ihr Pastor Parvis Rahbarnia und sagt: Amen!

© Parvis Rahbarnia